Diese Frage kommt immer wieder. Warum ist für Geflüchtete Geld da, und bei unseren Obdachlosen wird gefühlt jeder Euro dreimal umgedreht. Und ich sage das direkt dazu, damit es nicht wieder verdreht wird. Ich will hier niemanden gegeneinander ausspielen. Mir geht es nicht um Herkunft. Mir geht es um Maßstab. Und darum, was ein Staat und eine Stadt möglich machen, wenn sie es wirklich wollen.
Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie schnell Deutschland handeln kann. Wenn politischer Wille da ist, dann werden Strukturen aufgebaut. Dann werden Stellen geschaffen. Dann werden Budgets freigemacht. Dann wird organisiert, entschieden, umgesetzt. Dann geht auf einmal sehr viel, was vorher angeblich ewig nicht ging. Und genau deshalb fühlt es sich bei Obdachlosigkeit so bitter an, weil dieses Thema seit Jahren behandelt wird wie ein Dauerzustand, den man irgendwie verwaltet, statt wie ein Notstand, den man löst.
Und dann kommt das, was ich nur noch unerquicklich finde. Dieses deutsche Formulardenken. Diese Zuständigkeitsreligion. Diese Paragrafenlogik, die erst atmen kann, wenn irgendwo ein Haken gesetzt wurde. Natürlich brauchen wir Regeln. Die Frage ist nur, ob Regeln bei uns inzwischen wichtiger geworden sind als Realität. Denn bei Obdachlosigkeit ist Realität selten ordentlich. Sie ist nicht hübsch. Sie ist nicht kompatibel mit dem Wunsch nach sauberen Prozessen. Und genau deshalb wird sie so gern zur Kostenstelle gemacht. Zu einem Posten, den man klein hält, weil er unbequem ist, weil er schwer zu lösen ist, weil er keine schnellen Erfolgsmeldungen produziert.
Und ja, ganz böse ironisch gesagt, es schwingt oft diese unausgesprochene Logik mit. Wenn man dort wirklich investiert, dann kostet das. Dann bindet das Mittel. Dann nimmt das am Ende vielleicht Geld weg von Dingen, die besser aussehen, besser zu verkaufen sind, politisch dankbarer sind. Also macht man lieber das, was Deutschland besonders gut kann. Man schreibt Konzepte. Man schafft Zuständigkeiten. Man macht Programme, die auf dem Papier nach Hilfe aussehen. Und am Ende sagt man dann den Satz, der alles erschlägt. Wir haben ja Angebote.
Und genau hier muss man ehrlich werden. Ein obdachloser Mensch ist nicht nur ein Bett für eine Nacht. Da hängen oft mehrere Faktoren dran. Psychische Verletzungen, Traumata, Abhängigkeit, manchmal Krankheit, manchmal Scham, manchmal völlige Erschöpfung. Und ja, nicht selten ist da noch ein Hund. Nicht als Dekoration, sondern als letzter Halt, als letzte Bindung. Das sind mehrere Baustellen gleichzeitig. Und genau an diesem Punkt merkt man, wie überfordert diese Paragrafenreiterei ist, die alles am liebsten in ein einziges Kästchen pressen würde. Entweder passt es oder es passt nicht. Und wenn es nicht passt, dann beginnt das Wegschieben, das Zuständigkeitskarussell, die Ausrede, dass es halt schwierig ist.
Schwierig ist es. Aber es ist nicht unlösbar. Es ist nur nicht bequem. Es ist nicht billig. Und es bringt keinen schnellen Applaus. Ein Mensch, der lange am Rand gelebt hat, liefert keine schöne Bilanz. Der ist kein Vorzeigeprojekt. Der ist Arbeit. Der braucht Zeit. Der braucht wirkliche Begleitung. Und genau deshalb haben so viele Obdachlose jahrelang direkt neben uns existiert, fast unsichtbar, wie ein Schatten im Stadtbild, an den man sich gewöhnt hat. Nicht, weil wir es nicht gesehen hätten. Sondern weil wir zugelassen haben, dass ein System das Wegsehen zur Routine macht.
Das ist die Scheinheiligkeit, die ich meine. Nicht das Helfenwollen. Sondern dieses Systemverhalten, das sich moralisch schmückt, während es strukturell weiter spart, weiter schiebt, weiter verwaltet. Und wer ehrlich ist, der weiß doch. Es geht nicht um Unmöglichkeit. Es geht um Priorität.
Diese Scheinheiligkeit ist längst kein Randproblem einer Ecke mehr. Die findest du überall. Bei Grün. Bei Links. Bei SPD. Bei CDU. Und wie sie alle heißen. Große Worte, kleine Konsequenzen. Viel Moral nach außen, wenig Mut zur echten, teuren, unbequemen Lösung. Genau das ist das Problem
Klare Worte, klare Meinung.
Nona Simakis
