Gerade lese ich überall wieder diese Aufrufe wie „Denkt an die armen Obdachlosen, es ist Winter, wo sollen sie hin“. Natürlich ist Kälte gefährlich. Natürlich braucht es Schutz. Aber genau deshalb wirkt diese plötzliche Empörung auf mich wie Scheinheiligkeit. Der Winter kommt nicht überraschend. Und das Thema ist nicht neu. Es ist seit Jahren bekannt, und seit Jahren hat sich strukturell viel zu wenig verändert.
Jedes Jahr dasselbe Ritual. Sobald es kalt wird, stehen wieder alle auf der Bühne, rufen „Tut was, tut was“ und schwingen große moralische Reden. Für mich hat das manchmal etwas von diesen Scheinpredigern im amerikanischen Fernsehen. Viel Pathos, viel Zeigefinger, viel Inszenierung. Und danach geht man nach Hause, fühlt sich kurz gut, und im Januar ist das Thema wieder weg.
Auch hier in Dortmund höre ich seit Jahren dieselben Appelle. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sich in all den Jahren wirklich so viel geändert hat, dass man sagen könnte: Jetzt ist es solide, jetzt ist es verlässlich, jetzt ist es würdig gelöst. Stattdessen erquicklich man sich oft am Schreien und an der eigenen Empörung.
Und dann wird bis heute etwas Grundsätzliches ignoriert. Viele obdachlose Menschen lassen ihre Hunde nicht allein. Das ist keine Sturheit, das ist Bindung und Verantwortung. Wer ernsthaft helfen will, muss begreifen, dass Schutzangebote auch hundefreundlich sein müssen. Sonst redet man von Menschlichkeit und baut an der Realität vorbei.
Und genau da liegt für mich der Kern. Seit Jahren läuft vor allem moralische Selbstdarstellung ab. Es wird geredet, gepostet, empört und sich gegenseitig überboten, wer am betroffensten wirkt. Am Ende stehen oft dieselben Laberer da, ein kleines Stück höher auf ihrer eigenen Bühne, und der Obdachlose bleibt trotzdem da, wo er war. Wenn wir ehrlich sind, ist vielen nicht der Mensch wichtig, sondern die eigene Pose.
Klare Worte – Klare Meinung
Nona Simakis
