Klare Meinung, klare Worte

Kolumne von Nona Simakis
Heute ist mir etwas sehr klar geworden.
Ich lebe im größten Loser-Club Europas.
Ja, ich meine Deutschland.
Ein Land, das sich moralisch gern selbst applaudiert und gleichzeitig erstaunlich zuverlässig wegschaut, wenn es ernst wird. Ein Land, das innerhalb der EU der wichtigste Handelspartner des Iran ist. Wir reden über 1,4 bis 1,5 Milliarden Euro. Genau über diese Summe reden wir.
Ein Land, das es offenbar völlig legal findet, dass Freiheit mit Leben bezahlt wird.
Mit Blut.
Mit Schmerz.
Mit Trauer.
Dass Menschen an Kränen aufgehängt werden, öffentlich, demonstrativ, als Warnung. Und während dort Freiheit am Galgen baumelt, rollen hier die Maschinen weiter. Hauptsache, der Hobel läuft. Hauptsache, der Handel stimmt. Moral ist dehnbar, wenn die Zahlen passen.
Wir haben Politikerinnen und Politiker, die sich gern empören – selektiv. Pro Palästina, aber auffällig still, wenn es um den Iran geht. Wir haben selbsternannte Feministinnen, die lautstark Parolen liefern, solange sie risikofrei sind, und verstummen, wenn Frauenrechte tatsächlich verteidigt werden müssten. Freiheit als Hashtag, nicht als Haltung.
Und dann diese endlose Schar an Meinungsmenschen. Nie im Iran gewesen, dort niemanden gekannt, keine Sprache gesprochen, keine Geschichte verstanden – aber hier mit erhobenem Zeigefinger erklären, wie Revolution funktioniert. Talkshows ersetzen Realität. Betroffenheit ersetzt Wissen.
Währenddessen bezahlt anderswo jemand Freiheit mit dem eigenen Leben. Und hier skandiert man sich warm an Nebenschauplätzen, geschniegelt, moralisch geschniegelt, konsequenzfrei.
Der Rest der Welt schaut zu.
Nicht mehr spöttisch. Eher irritiert.
Ich weiß nicht einmal, ob „Loser-Club“ dafür noch eine freundliche Bezeichnung ist.
Aber eines ist klar:
Das hier ist keine Unwissenheit mehr.
Das ist Bequemlichkeit mit System.
Und die kostet Leben.
Nona Simakis
