
Klare Worte, klare Meinungen – Nonas Kolumne
An die Prediger aller Religionen
Wie beruhigend still es ist. Diese Stille der Verantwortung. Diese Eleganz des Schweigens.
Während im Iran Frauen, Kinder und junge Männer sterben, weil sie in Freiheit leben möchten, bewegen sich Prediger auf Zehenspitzen. Man möchte ja niemanden verletzen. Und vor allem nicht diese Systeme. Das gelingt bemerkenswert konsequent.
Es herrscht eine auffällige Zurückhaltung. Worte werden abgewogen, Formulierungen geprüft, Empfindlichkeiten geschützt. Dort, wo religiöser Wahn staatlich organisiert ist, wo er richtet, foltert und tötet, wird ausgerechnet Schweigen zur bevorzugten Haltung.
Man nennt das dann Dialog. Oder kulturelle Sensibilität. Oder spirituelle Reife.
Frieden, so scheint es, ist eine Frage der Lautstärke. Und am friedlichsten ist, wer nichts sagt. Kein Wort zu den Galgen. Kein Wort zu den Kugeln. Kein Wort zu den Körpern von Frauen, Kindern und jungen Männern, die Freiheit mit Blut bezahlen.
Aber viele Worte über Ausgleich. Über Verständnis. Über religiöse Gefühle.
Es ist erstaunlich, wie weich Prinzipien werden, wenn sie unbequem wären. Wie biegsam Moral ist, wenn sie stört. Wie still Spiritualität wird, wenn sie Haltung verlangen würde.
Man predigt Frieden und meint Ruhe. Man spricht von Respekt und meint Wegsehen. Man nennt es Weisheit und übt Feigheit in gut geölten Formeln.
Am Ende wird gebetet.
Vater unser im Himmel.
Über zweiundzwanzigtausend Seelen wurden abgeschlachtet, und deine Vertreter auf Erden schweigen.
Ist es wirklich das, was du wolltest?
Und es schweigen die Prediger des evangelischen Christentums, des katholischen Christentums und der orthodoxen Kirchen. <br>
Nona Simakis
