
H wie Hohlbirne (Satire)
Hohlbirne, die
Substantiv, feminin
Aussprache: hohl bir ne
Bedeutung: umgangssprachlich für einen Menschen, der sichtbar Raum einnimmt, ohne ihn inhaltlich zu füllen.
Gebrauch: häufig in Rudeln, bevorzugt in Gremien, Kommentarspalten und Parteistrukturen.
Generation H ist keine offizielle Generation. Sie steht in keinem Buch, auf keiner Zeitachse und in keiner Statistik. Sie ist einfach da. Eingeschlichen. Dazwischen. Sichtbar, aber unbenannt. Und genau das ist ihr großer Vorteil. Wer sich nicht benennt, muss sich auch nicht erklären. Schon gar nicht, wenn man nicht weiß, was eine Hohlbirne ist.
Hohlbirnen erkennt man schnell. Nicht nur am Reden, auch am Auftreten. An diesem konsequent ungepflegten Äußeren, das wirkt, als sei Sorgfalt eine Zumutung. Haare ohne Richtung, teilweise ungewaschen, Frisuren wie dem Zufall überlassen. Nicht aus Lässigkeit, sondern aus Gleichgültigkeit. Schönheit scheint verdächtig, Stil überflüssig.
Das passt erstaunlich gut zum Inneren.
Denn was hier vorgeführt wird, ist keine Selbstliebe, sondern ihre Karikatur. Eine überbordende narzisstische Selbstbezogenheit, die ständig Bestätigung braucht, sich durchsetzen muss und beleidigt reagiert, sobald jemand widerspricht.
Hohlbirnen wollen Recht haben. Immer. Gespräche sind für sie kein Austausch, sondern ein Wettkampf. Und wenn sie ihn verlieren, folgt kein Argument, sondern Trotz. Blockieren. Abwerten. Dieses kleine, kindliche Aufstampfen, das einsetzt, wenn die eigene Bedeutung kurz wackelt.
Man findet sie dort, wo Sichtbarkeit reicht. In Parteien, in Gremien, auf Podien, in sozialen Medien. Anwesenheit gilt als Leistung, Sitzfleisch als Kompetenz, Lautstärke als Haltung. Entscheidend ist nicht, was gesagt wird, sondern dass es mit Nachdruck gesagt wird.
In Kommentarspalten blühen sie auf. Dort wird belehrt, beleidigt, unterstellt und verleumdet, stets moralisch aufgeladen und selbstverständlich auf der richtigen Seite. Bis jemand widerspricht. Dann ist plötzlich der Ton das Problem. Dann fällt das Wort Deutungshoheit. Meist genau in dem Moment, in dem jede andere Deutung zuverlässig unterbunden werden soll.
Kritik ist für Hohlbirnen kein Angebot, sondern eine Kränkung.
Spiegel werden gemieden. Gedanken auch.
Ihre Kleidung erzählt das alles mit. Machtfantasien aus Stoff. Sakkos ohne Stil, Schals mit Bedeutungswillen, getragen mit diesem Blick, der sagt, ich bin wichtig, auch wenn ich gerade nicht weiß, wofür. Feinheit gilt als Schwäche, Kultur als unnötiger Luxus.
Hohlbirnen lieben große Runden. Je größer das Gremium, desto kleiner die Verantwortung. Entscheidungen werden verteilt, verdünnt, vertagt, bis niemand mehr zuständig ist und alle weiter mitreden dürfen. Stillstand wird perfekt verwaltet.
Nicht spektakulär, nicht laut, einfach da.
Generation H wirkt wie ein Darmwurm der Debattenkultur.
Sie läuft immer mit, hängt sich überall ein und macht alles ein wenig zäher.
Gespräche dauern länger, Entscheidungen kommen später, Bewegung fühlt sich anstrengender an.
Man kann nie genau sagen, wann es angefangen hat.
Man merkt nur, dass es bleibt.
Generation H ist kein Jahrgang, sie ist ein Prinzip.
Und Prinzipien sterben bekanntlich nicht aus.
Es sei denn, man macht sie sichtbar und lacht sie aus.
Nona Simakis
