Nonas Kolumne – Klare Worte. Klare Meinung.
Dortmunds Realität: Wenn das Rathaus den Kontakt zur Straße verliert
Wer heute durch die Dortmunder Innenstadt geht und danach die Debatten im Rathaus verfolgt, der glaubt an zwei verschiedene Universen. Da stehen sich Welten gegenüber, die einfach keine Schnittmenge mehr haben.
Reden wir Tacheles: Die Drogenszene hat die City übernommen. Mitten auf der Straße wird geschissen, gekokst, gespritzt. Die Dealer stehen an jeder Ecke und verticken ihren Stoff, als wäre es das Normalste der Welt. Das ist kein Problem am Rand mehr, das ist der neue Alltag. Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht das.
Klar, die Polizei ist da. Aber sie ist berechenbar. Die kommen, die gehen, und jeder in der Szene kennt den Fahrplan. Das beruhigt niemanden, das ist eher Slapstick.
Und dann bricht die Stadt auseinander. Die einen sagen: „Ich setze keinen Fuß mehr in die City, ich habe Angst.“ Und ich verstehe das zu einhundert Prozent. Die anderen kommen mit der Mitleidsnummer. Das seien ja alles kranke Menschen, man müsse Verständnis haben, wo sollen sie denn sonst hin?
Ganz ehrlich: Genau da liegt der Denkfehler. Wenn das kranke Menschen sind, dann lässt man sie nicht im eigenen Dreck auf dem Pflaster verrecken. Man lässt sie nicht ohne Hilfe und ohne Struktur einfach machen. Das ist kein Mitgefühl, das ist unterlassene Hilfeleistung unter dem Deckmantel der Toleranz.
Während draußen die Welt brennt, wird drinnen im Rathaus philosophiert. Per Zufall sehe ich ein Reel, klicke auf einen Link und lese: Am 21.04. wird im Rathaus darüber debattiert, ob Modelle wie das Züricher Modell für Dortmund infrage kommen. Alles gut gemeint, alles sauber formuliert. Aber wer draußen durch die Realität läuft, fragt sich nur noch: In welchem Film seid ihr eigentlich? Warum hat das, was ihr da drinnen besprecht, so verdammt wenig mit dem zu tun, was hier draußen längst Sache ist?
Und dann gibt es da noch etwas, das mich richtig sauer macht. In diesen Diskussionen fehlen die kritischen Stimmen. Nicht, weil keiner was zu sagen hätte. Sondern weil sie schlicht nicht mehr vorkommen. Wer blockiert wird, ist raus aus dem Gespräch. Und wer raus ist, kann nicht mehr widersprechen.
So bastelt man sich ein verzerrtes Bild. Man hört nur noch die, die zustimmen und alles abnicken. Am Ende sieht es so aus, als gäbe es kaum noch Gegenpositionen. Aber das ist kein echter Konsens, das ist ein Raum, in dem Widerspruch einfach nicht mehr stattfindet.
Wenn genau dieser Raum die Basis für politische Entscheidungen wird, dann gute Nacht. Dann basiert kein Bild mehr auf der Realität, sondern auf einer gefilterten Wahrnehmung. Die Lücke zwischen dem, was Menschen erleben, und dem, was politisch erzählt wird, wird immer größer.
Dortmund tritt auf der Stelle, weil sich die Politik zu oft in Vorstellungen verliert, wie es sein sollte, anstatt sich konsequent an dem zu orientieren, was tatsächlich ist. Man sammelt lieber Zustimmung, statt sich mit hartem Widerspruch auseinanderzusetzen.
Am Ende bleibt ein fader Beigeschmack: Es wirkt fast so, als wäre Dortmund für einige weniger ein Ort, den man nachhaltig gestalten will, sondern eher ein Sprungbrett für die eigene politische Karriere. Wer seine Stadt wirklich wichtig nimmt, der muss mit den Menschen sprechen. Mit allen. Auch – und vor allem – mit denen, die widersprechen.
Denn genau da fängt echte Politik an. Alles andere ist nur Selbstbespiegelung auf Kosten derer, die hier leben.
