Nonas Kolumne
Klare Worte. Klare Meinung.

Man sagt uns das seit der Kindheit.
Innere Werte zählen. Äußere Schönheit verblasst. Was wirklich zählt, ist der Charakter. Was wirklich zählt, ist das, was innen ist.
Schön gesagt. Wirklich schön.
Nur hat sich offenbar auch das geändert.
Denn wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem äußere Schönheit gar nicht mehr verblassen muss. Und an dem es offenbar auch völlig egal geworden ist, ob überhaupt innere Werte vorhanden sind.
Das beste Beispiel dafür sind Politiker.
Da ist weder das eine noch das andere.
Keine inneren Werte. Keine äußere Schönheit. Komplette Fehlanzeige auf beiden Kanälen gleichzeitig. Und das ist eigentlich eine Leistung, wenn man mal drüber nachdenkt. Denn normalerweise hat man wenigstens eines von beidem.
Das nenne ich das Doppelte Leere Syndrom.
Innen hohl. Außen auch. Und trotzdem stehen sie da, mit vollem Terminkalender, vollem Diätkonto und einer Selbstüberzeugung, die nur noch als lebender Beleg fortgeschrittener Selbstüberschätzung durchgeht.
Und dann dieses ewige Gerede von Haltung, Würde und Verantwortung, während aus Steuergeldern Unsummen für äußere Darstellung verschwinden. Für Friseure. Für Styling. Für die große politische Fassade. Da wird poliert und geschniegelt, als ließe sich Substanz mit Haarspray herstellen. Als könnte ein moralischer Kompass mit Puder aufgetragen werden. Als würde aus Leere plötzlich Führung, nur weil der Kragen sitzt oder jedenfalls sitzen sollte.
Nur sitzt ja oft nicht einmal das.
Da sitzt nicht einmal die Frisur. Da sitzt nicht einmal das Make up. Da sitzt nicht einmal der Anzug. Da sitzen nicht einmal die Englischkenntnisse. Und fair sind sie immerhin in einem Punkt. Bei all dem, was nicht sitzt, reiht sich die Politik nahtlos ein.
Und genau da wird es fast schon kunstvoll. Denn auf der einen Seite gibt es jene, die mit teuren Stoffen und geschniegelt präsentierter Leere versuchen, Bedeutung darzustellen. Und auf der anderen Seite sitzen Gestalten in den Parlamenten, bei denen man den Eindruck hat, dass selbst Spiegel morgens einfach aufgeben. Menschen, die aussehen, als hätten Friseur, Dusche, Kamm und jedes ästhetische Grundgefühl irgendwann beschlossen, die Zusammenarbeit stillschweigend zu beenden.
Besonders bemerkenswert ist dabei eine ganz spezielle Sorte. Jene, die tagsüber die schönsten Reden über Solidarität, Menschlichkeit und Toleranz halten. Die Regeln für andere formulieren, die für sie selbst offenbar nicht gelten.
Man nennt das Überzeugung.
Ich nenne das Heuchelei mit Eventplanung.
Und trotzdem wäre all das noch halb so schlimm, wenn wenigstens innen irgendetwas wäre.
Aber nein.
Da ist kein Geist, der trägt. Keine Ethik, die führt. Kein moralischer Kompass, der irgendwo ausschlägt. Keine innere Größe. Kein Format. Kein Funke. Nichts, was darauf schließen ließe, dass dieses Land von Menschen mit Haltung regiert oder wenigstens mitgedacht wird.
Man sagt, Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Ich betrachte. Ich betrachte wirklich sehr lange und sehr aufmerksam. Vielleicht habe ich einfach die falschen Augen. Oder vielleicht stimmt die alte Weisheit doch, dass innere Werte und äußere Erscheinung am Ende zusammenhängen. Denn wenn innen nichts ist, sieht man es irgendwann auch außen. In den Augen, die nichts sagen. In den Antworten, die keine sind. In den Versprechen, die verfallen wie Joghurt, nur dass abgelaufener Joghurt wenigstens noch einen Geruch hat, der uns daran erinnert, dass da mal etwas war.
Bei manchen Politikern fehlt selbst das.
Vielleicht erklärt das ja auch den Boom in der Schönheitsindustrie. Es gibt tatsächlich ein Phänomen dafür, den Lippenstift Effekt. Er besagt, dass je schlechter es einer Gesellschaft geht, desto mehr in äußere Darstellung investiert wird. Je größer die innere Leere, desto lauter das äußere Klappern. Die Psychologie nennt das symbolische Selbstvervollständigung. Der Volksmund nennt es leere Fässer machen den meisten Lärm. Und die Schönheitsindustrie nennt es einfach Zielgruppe.
Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass wir die Falschen wählen. Sondern darin, dass wir daran gewöhnt sind, dass es keine anderen gibt.
Nona Simakis
