
Wir leben in einer Zeit, die sich wahnsinnig viel auf ihren Fortschritt einbildet. Wir erzählen uns gern das Märchen, dass wir mit jedem Jahrzehnt freier, aufgeklärter und moderner werden. Aber ganz ehrlich? Wenn ich mich heute so umsehe, habe ich an vielen Stellen das Gefühl: Wir gehen nicht nach vorne. Wir weichen zurück.
Was mich dabei am meisten stört, ist gar nicht mal das Offensichtliche. Es ist dieses ewige Drumherumreden. Dieses vorsichtige Formulieren, dieses ständige Relativieren, sobald es ungemütlich wird. Man merkt richtig, wie die Sprache weich wird. Wie die Leute anfangen zu eiern, damit sie bloß niemandem auf die Füße treten.
Ich hab das selbst versucht. Wirklich. Ich wollte verständnisvoll sein, wollte die „runde“ Lösung suchen. Aber irgendwann merkst du: Genau dieses Weichspülen ist das Problem. Du umschreibst Dinge so lange, bis am Ende gar nichts mehr gesagt wird.
Nehmen wir doch mal das Thema Migration. Klar, es kommen Menschen zu uns, die vor Krieg und Elend flüchten. Das ist die eine Seite. Aber zur Wahrheit gehört eben auch die andere: Viele bringen in ihrem Koffer nicht die Angst vor Verfolgung mit. Die bringen knallharte Forderungen mit, wie sich dieses Land bitteschön an ihre Vorstellungen anzupassen hat.
Und wir? Wir sind vor lauter Toleranz schon so blind, dass wir gar nicht merken, wie wir Schritt für Schritt unsere eigenen Werte opfern.
Mir geht’s hier nicht um Pauschalurteile, das wäre zu billig. Es geht ums ehrliche Hinschauen. Bestimmte Probleme fallen nicht einfach so vom Himmel. Sie wachsen auf dem Mist von ideologischen oder religiösen Strukturen, in denen Gleichberechtigung, der Schutz von Frauen und Mädchen oder der Respekt vor Andersdenkenden schlicht nicht existieren. Das ist meilenweit von dem entfernt, was wir hier für selbstverständlich halten.
Und genau darüber wird nicht gesprochen. Oder nur so leise, dass es im Sande verläuft.
Werte sind kein Buffet, an dem man sich nur bedient, wenn es gerade bequem ist. Sie müssen auch dann stehen bleiben, wenn der Wind von vorne kommt. Wenn wir anfangen, Unterschiede zu machen – je nachdem, aus welcher Richtung der Ärger kommt – dann haben wir kein Wertesystem mehr. Dann haben wir nur noch Stimmungen.
Alles auszuhalten und nichts mehr beim Namen zu nennen, ist keine Stärke. Das ist Feigheit, die sich als Toleranz verkleidet. Und das bringt uns keinen Millimeter weiter.
Die Frage ist doch nicht, wie „offen“ wir sind. Die Frage ist: Wissen wir eigentlich noch, wofür wir stehen? Und haben wir den Mut, das auch auszusprechen, ohne sofort einen Rückzieher zu machen? Daran entscheidet sich nämlich, wo die Reise für uns alle hingeht.
Und deshalb frage ich dich jetzt ganz direkt: Merkst du eigentlich beim Zuhören, wofür DU gerade stehst?
Stehst du für die Werte, die wir uns in Europa über Jahrhunderte mühsam erkämpft haben? Die Werte, für die Generationen durch Kriege und Krisen gegangen sind, um da zu sein, wo wir heute sind? Ich rede vom Frauenwahlrecht, von echter Gleichberechtigung, von der Freiheit, zu sagen und zu glauben, was man will.
Oder schaust du schweigend zu, wie wir das alles Stück für Stück für ein bisschen trügerischen Frieden opfern? Wollen wir diesen Rückfall wirklich?
Es ist Zeit, sich zu entscheiden. Denn wer für alles offen ist, der ist am Ende nicht ganz dicht – und vor allem nicht mehr ganz bei sich selbst.
Nona Simakis
