Nonas Kolumne – Klare Worte, klare Meinung.
Ich muss mir das gerade einfach mal von der Seele schreiben, weil es mich zutiefst entsetzt und fassungslos zurücklässt. Ich saß vor meinem Handy, scrollte durch die Feeds und stieß auf ein Reel der Grünen Fraktion hier in Dortmund. Es ging um einen Fund, der eigentlich jedem, der auch nur einen Funken Geschichtsbewusstsein hat, den Atem rauben müsste. Bei Bauarbeiten an den Westfalenhallen wurden die Überreste des Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D freigelegt. Das ist ein Ort des Schmerzes, an dem Tausende Menschen gelitten haben und gestorben sind. Ein offenes Grab unserer Geschichte, direkt vor unserer Haustür.
Und dann sieht man dieses Video. Im Zentrum steht die Fraktionssprecherin der Dortmunder Grünen. Sie steht nicht einmal draußen im Wind an der echten Ausgrabungsstätte. Nein, es ist ein durchinszenierter Medientermin im Studio, vor einer historischen Fotowand, das Mikrofon fest in der Hand. Man hat sich also Zeit genommen. Man hat das Licht aufgebaut, die Kamera eingestellt, die Social-Media-Maschinerie angeworfen.
Aber was mich bei diesem Anblick sofort angesprungen hat und mir schwer im Magen liegt, war die Haltung. Sie spricht über dieses unfassbare Grauen in einem sichtlich ungebügelten, völlig zerknitterten Alltagsoberteil. In einem Look, den man vielleicht wählt, wenn man sonntags die Couch nicht verlässt oder mal eben den Müll runterbringt.
Bestimmt werden mir jetzt einige Kleinlichkeit vorwerfen. Es komme doch auf den Inhalt an, werden sie sagen. Aber als Autorin weiß ich ganz genau: Die Form ist der Inhalt. Die äußere Haltung spiegelt immer die innere Haltung wider. Wenn eine Partei eine professionelle Videoproduktion startet, um sich als moralische Instanz der Erinnerungskultur zu inszenieren, aber es niemandem auch nur die fünf Minuten wert ist, das Hemd für die Kamera zu glätten, dann signalisiert das eine erschreckende Gleichgültigkeit.
Das Signal ist: Wir wollen die Klicks für das schwere Thema, aber den Respekt für die Würde des Moments sparen wir uns.
Genau das ist der Grund, warum ich diese Partei und diesen ganzen politischen Betrieb im Kern nicht mehr ernst nehmen kann. Es ist eine reine Effekthascherei. Auf Instagram fahren sie die moralisch schwersten Vokabeln auf. Da wird von Sensibilität und Verantwortung geschrieben, und natürlich darf das passende Kerzen-Emoji nicht fehlen, um das eigene Gewissen zu streicheln und das Parteilogo ins rechte Licht zu rücken. Es ist billiges politisches Handwerk, das versucht, tiefen menschlichen Schmerz in Wählerstimmen, Likes und Klicks umzumünzen.
Genau gegen diese Kultur müssen wir aufbegehren. Bestimmt werden mir jetzt die üblichen Berufsempörten wieder mangelnde Differenzierung oder Oberflächlichkeit vorwerfen. Sie werden sagen, die Kleidung spiele doch keine Rolle bei so einem wichtigen politischen Anliegen. Aber genau das tut sie.
Denn hinter den perfekt designten Social-Media-Slogans bleibt davon nichts übrig außer der Lieblosigkeit des Apparats. Das Grauen von gestern wird zur bequemen PR-Nummer von heute.
Wenn die Politik verlernt, sich ehrfürchtig und mit echter, spürbarer Würde vor der Geschichte zu verneigen, dann verliert sie jede Glaubwürdigkeit.
Dieses zerknitterte Shirt im Studio ist kein modischer Fehler. Es ist das Symbol einer Kultur, die vor lauter Selbstdarstellung die echte, tiefe Empathie komplett verloren hat.
Hier geht es direkt zu dem besagten Video: Link zum Reel der Grünen Fraktion Dortmund
https://www.instagram.com/reel/DZfyqPYoSm0/?igsh=MXdrd3c0cDF0MHFvMQ==

