Oh mein Gott. Ich bin aufgeflogen.
Nach all den Jahren hat man mich erwischt. Und dabei war ich so vorsichtig. Ich habe Bücher geschrieben, Kolumnen veröffentlicht, Vorträge gehalten und mich jahrzehntelang mit Sprache beschäftigt, nur um eines Tages den entscheidenden Fehler zu machen: Ich habe in den sozialen Medien einen grammatikalisch korrekten Text veröffentlicht. Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Ein sauberer Satzbau, verständliche Gedanken, Argumente, die sogar aufeinander aufbauen. Kommas an Stellen, an denen sie hingehören. Und dann auch noch weitgehend fehlerfrei. Wie konnte ich nur glauben, damit durchzukommen? KI!
So lautet inzwischen zuverlässig die Diagnose, vorzugsweise dann, wenn jemandem in einer politischen Diskussion die Argumente ausgehen. Früher musste man sich in solchen Situationen noch etwas einfallen lassen. Man musste widersprechen, begründen, vielleicht sogar nachdenken. Heute haben wir es leichter. Der andere formuliert einen Gedanken, den man nicht widerlegen kann? KI. Der Satz hat mehr als acht Wörter? KI. Ein Fremdwort? Ganz klar KI. Drei Absätze, die auch noch miteinander zu tun haben? Leute, wir brauchen gar nicht weiterzureden. Der Fall ist eindeutig.
Besonders bitter ist die Sache für mich übrigens wegen meiner Kommas. Mein Lektor hat jahrelang mit mir geschimpft, weil ich eine Angewohnheit hatte, die ihn zuverlässig in den Wahnsinn trieb. Ich setzte vor das Komma ein Leerzeichen. Immer. Das zog sich durch meine Manuskripte wie ein roter Faden. Ich fand daran nichts Schlimmes, mein Lektor schon. Also habe ich irgendwann gelernt, dieses blöde Leerzeichen wegzulassen. Nach Jahren der Erziehung kann ich heute ein Komma setzen wie ein gesellschaftsfähiger Mensch. Und was habe ich davon? KI. Hätte ich das gewusst, hätte ich die Leerzeichen behalten.
Und dann wäre da noch mein Gedankenstrich. Ich liebe Gedankenstriche. Abgöttisch. Weil er genau das tut, was ich beim Schreiben brauche. Ein Gedanke kommt, ein anderer schiebt sich hinein, ich halte kurz inne, gehe weiter. Mein Gedankenstrich ist mein gedruckter Gedankengang. Ich benutze ihn seit Ewigkeiten. Dummerweise hat sich inzwischen herumgesprochen, dass auch der Gedankenstrich ein verdächtiges Zeichen für KI sein soll. Großartig. Jetzt hat mir die künstliche Intelligenz also rückwirkend auch noch meinen Gedankenstrich geklaut. Demnächst muss ich vermutlich alte Manuskripte vorlegen, um nachzuweisen, dass ich ihn schon benutzt habe, als ChatGPT noch nicht einmal der feuchte Traum irgendeines Entwicklers war.
Vielleicht liegt mein Problem aber auch ganz woanders. Mir fällt nämlich auf, rein subjektiv selbstverständlich, dass mir dieser KI-Vorwurf besonders häufig aus bestimmten politischen Ecken entgegenkommt. Warum das so ist, weiß ich natürlich nicht. Ich kann nur vermuten. Rein ironisch natürlich. Vielleicht liegt es am Fahrtwind. Wir sind alle gleich, es leben die Fahrräder, lass dir den Wind durchs Hirn pusten. Vielleicht bleibt da irgendwann für Grammatik, Satzbau und einen sauber entwickelten Gedanken einfach nicht mehr genügend Platz. Und irgendwo zwischen Lastenrad, Enteignungsfantasie und Weltrettung ist ein Nebensatz möglicherweise auch schon ein bürgerliches Privileg, das dringend umverteilt werden muss.
Vielleicht ist Grammatik inzwischen überhaupt problematisch. Subjekt, Prädikat, Objekt. Schon wieder diese Hierarchien. Warum muss das Prädikat eigentlich immer an einer bestimmten Stelle stehen? Wer hat das beschlossen? Und weshalb soll ein Satz überhaupt einen Anfang und ein Ende haben? Das klingt schon verdächtig nach Ordnung. Am Ende verlangt noch jemand Rechtschreibung. Wo soll das hinführen?
Vielleicht bin aber auch einfach ich das Problem. Ich schreibe seit Jahrzehnten. Bücher sogar. Mehrere. Damals gab es nur leider noch keine künstliche Intelligenz, der ich sie hätte unterschieben können. Das bringt mich jetzt ein wenig in Erklärungsnot. Vielleicht habe ich heimlich auf sie gewartet. Vielleicht waren meine Bücher lediglich eine langfristig angelegte Tarnung, damit ich im Jahr 2026 auf Facebook einen ordentlich formulierten Kommentar veröffentlichen kann. Man muss vorausplanen.
Und ja, selbstverständlich benutze ich künstliche Intelligenz. Welch Enthüllung. Ich benutze auch einen Computer, ein Smartphone, Suchmaschinen und eine Rechtschreibprüfung. Früher benutzte ich einen Duden. Ganz dunkles Kapitel meiner Vergangenheit. Ich habe sogar Lektoren an meine Texte gelassen. Menschen, die meine Sätze gelesen, Fehler gefunden und Verbesserungsvorschläge gemacht haben. Nach heutiger Logik müsste ich vermutlich sämtliche Bücher zurückrufen, bei denen irgendwann ein Lektor seine Finger im Spiel hatte. Schließlich könnte irgendwo ein Komma stehen, das gar nicht von mir persönlich stammt.
Besonders entzückend finde ich allerdings den Hinweis, künstliche Intelligenz würde einem ohnehin nur bestätigen, was man hören wolle. Man müsse nur die Frage entsprechend stellen. Ach. Wer eine suggestive Frage stellt, kann eine suggestive Antwort bekommen. Diese Erkenntnis dürfte die Wissenschaft erschüttern. Journalisten, Meinungsforscher und Psychologen müssen jetzt sehr stark sein. Vielleicht sollte man auch Suchmaschinen abschaffen. Wenn ich dort nur lange genug das eingebe, was ich finden möchte, besteht nämlich die erschreckende Gefahr, dass ich es irgendwann finde.
Nur bleibt leider ein kleines Problem übrig. Selbst wenn ich meinen Text auf einer alten Olympia-Schreibmaschine getippt, mit einem Gänsekiel geschrieben oder von zwölf künstlichen Intelligenzen gleichzeitig hätte formulieren lassen, müsste man mein Argument immer noch widerlegen. Und genau da wird es meistens still. Denn „KI“ widerlegt nichts. Es ist kein Gegenargument. Es ist die ausgesprochen bequeme Möglichkeit, sich um eines herumzudrücken. Man muss nicht sagen, was an meinem Gedanken falsch ist. Man muss keine Quelle korrigieren, keinen Denkfehler aufzeigen, keine Gegenposition begründen. Man ruft einfach „KI“ und kann sich anschließend einbilden, man habe an einer Diskussion teilgenommen. Das ist natürlich wesentlich energiesparender. Und Energie sparen ist ja wichtig.
Nun stehe ich allerdings vor einem ernsthaften Problem. Meine falschen Leerzeichen vor dem Komma habe ich mir mühsam abtrainiert. Meinen geliebten Gedankenstrich kann ich kaum noch benutzen, ohne unter Maschinenverdacht zu geraten. Schreibe ich fehlerfrei, bin ich KI. Schreibe ich mit Fehlern, wird demnächst vermutlich jemand erklären, die KI habe absichtlich Fehler eingebaut, damit der Text menschlicher aussieht. Was soll ich denn noch tun? Vielleicht ein paar Rechtschreibfehler. Ein vergessenes Komma als Echtheitszertifikat. Ein verunglückter Satz als Beweis meiner Menschlichkeit. Gelegentlich „seid“ und „seit“ verwechseln. Dann können alle erleichtert aufatmen. Sie kann gar keine KI sein. Sie kann nicht einmal Deutsch.
Ich sehe schon, wohin das führt. Ich werde meinen Lektor anrufen müssen. Du, ich brauche meine Fehler zurück.
Und ich vermute mittlerweile, dass auch diese Kolumne von ganz, ganz vielen gar nicht verstanden wird. Geht mal wieder klatschen.
Nona Simakis

