
Die neue Odyssee: Ein Meisterwerk für das geschichtsvergessene Kinovolk
Wenn du zu den Menschen gehörst, die bei dem Wort „Wokeness“ feuchte Augen vor Glück bekommen, dann ist der neue Odysseus-Film dein absolutes Eldorado. Endlich hat sich wieder jemand getraut, lästige historische Fakten und kulturelles Erbe einfach im Klo der kreativen Beliebigkeit hinunterzuspülen! Wer braucht schon Respekt vor der Geschichte einer ganzen Nation, wenn man stattdessen den bunten Filter der eigenen Fantasie drüberlegen kann? Hauptsache, die bunte Show stimmt.
Besonders amüsant wird es ja bei der Doppelmoral: Du bist wahrscheinlich genau der Typ, der laut schreiend im Kreis läuft, wenn man sich an deiner Identität oder deinen Werten vergeht.
Vielleicht gehörst du ja sogar zu den Autoren, die sofort Zeter und Mordio schreien, wenn ihre mühsam geschriebenen Bücher illegal und kostenlos im Netz geteilt werden. Da ist der Aufschrei wegen „Piraterie“ riesig! Aber fremdes Kulturgut ungefragt abzugreifen und als kostenlose Steinbruch-Vorlage für die eigene Ideologie zu nutzen, das ist dann plötzlich völlig legitim?
Wie würde es dir eigentlich gefallen, wenn man deine Werke so extrem verzerrt, umschreibt und politisch korrigiert, bis von dem, was du eigentlich sagen und ausdrücken wolltest, absolut nichts mehr übrig ist und du komplett aus deiner eigenen Schöpfung herausgeschrieben wurdest?
Aber solange es nur die Geschichte der anderen ist, die für das eigene Amüsement verheizt wird, drückt man eben beide Augen fest zu. Ist ja weit genug weg.
Und natürlich ist es dir auch völlig egal, was Homer damals tatsächlich über Helena geschrieben hat. Halten wir doch mal fest, wer diese Frau in der Ilias wirklich war:
Sie ist die „Tochter des Zeus“, gezeugt aus göttlichem Funken, und wird von Homer ehrfürchtig als Gestalt von „schrecklicher Schönheit“ beschrieben – so makellos, dass selbst die alten, kriegsmüden Greise auf den Mauern Trojas bei ihrem Anblick raunen, es sei kein Wunder, dass Völker wegen ihr jahrzehntelang im Blut versinken.
Sie ist die „Weißarmige“ und „Schönhaarige“, doch sie ist vor allem eine tief tragische, hochkomplexe Figur. Homer lässt sie bittere Reue empfinden; sie bezeichnet sich selbst voller Schmerz als „schamlose Hündin“ für das Leid, das sie über die Menschen gebracht hat, und webt in ihrer Einsamkeit die blutigen Schlachten der Trojaner in ein purpurnes Gewand.
Aber wen scheren schon diese tiefen, antiken Verse und die psychologische Wucht des Dichters? Kann dir doch völlig egal sein! Du ersetzt diese literarische Urgewalt lieber mit deiner flachen „Woke-Schablonen-Ästhetik“, weil dir die echte Vorlage ohnehin viel zu anstrengend ist.
Schließlich ist das mutwillige Redesign historischer Figuren gerade der heißeste Trend – und Applaus von der richtigen Seite gibt es dafür gratis dazu! Gehen wir doch noch einen Schritt weiter, wenn es gerade so schick ist:
Johann Wolfgang von Goethe war in Wahrheit eine schwarze Frau und wollte eigentlich auch schon immer eine sein. Das gibt dem „Faust“ doch erst die richtige, zeitgemäße Tiefe!
Aus dem suchenden Parzival machen wir einen genderqueeren Backpacker auf der Suche nach dem perfekten laktosefreien Hafer-Latte.
Und wie wäre es mit Schiller als dauerempörtem Klimaaktivisten, der die „Ode an die Freude“ auf einer frisch blockierten Autobahnauffahrt dichtet? Klingt herrlich progressiv, oder?
Konsequenterweise müsstest du dich ja dann auch riesig auf das nächste filmische Highlight freuen: die mit Spannung erwartete Filmbiografie über Martin Luther King – natürlich kongenial, progressiv und historisch absolut akkurat besetzt mit Ryan Gosling. Klingt absurd und beleidigend? Ach was, wer das kritisiert, ist doch nur von gestern! Aber halt… wenn es plötzlich um Ikonen geht, die dir heilig sind, bist du dann doch wieder angepisst, oder?
Letztendlich feierst du mit all dem nur eines: deine eigene Intellektlosigkeit, weil du billige Bespaßung über jeglichen Anspruch stellst.
Hätte Nolan von Anfang an mit offenen Karten gespielt und gesagt: „Leute, das hier ist eine komplett freie Interpretation, die mit Homer überhaupt nichts zu tun hat“ – okay. Hätte er dann vielleicht noch ein, zwei griechische Schauspieler besetzt, um dem Herkunftsland dieses Epos zumindest einen Hauch von Tribut zu zollen… aber nein. Nichts davon wurde getan.
Daher: Feiert eure eigene Idiotie! Feiert eure Intellektlosigkeit und eure mangelnde Schulbildung. Warum sollte man da ausgerechnet von euch erwarten, dass ihr den Wert von historischem Erbe begreift? Hauptsache, die billige Berieselung stimmt, während der echte Wert im Hintergrund pleitegeht.
Geht ins Kino, lasst euch füttern und schaut euch das an.
Aber eines sollte euch klar sein: Den obligatorischen Ouzo aufs Haus beim Griechen danach – den bekommt ihr im Anschluss ganz sicher nicht mehr.
Nóna Simakis
