Ist euch eigentlich auch schon aufgefallen, dass sich unsere Debattenkultur auf eine Währung beruft, deren Wert extrem schwankt? Ich rede von der öffentlichen Betroffenheit.

Wenn eine Tat die passenden Kriterien erfüllt, läuft die Maschinerie sofort an. Es gibt Mahnwachen, Demos, Sondersendungen und Betroffenheitsadressen aus der Politik. Alle halten kurz den Atem an und tun so, als ginge uns das jetzt wirklich alle etwas an.

Und dann gibt es die anderen Fälle. Die bloßen Zahlen in der Statistik. Die vielen Mädchen und Frauen, die vergewaltigt, zusammengeschlagen oder ermordet werden. Die jungen Männer, die niedergestochen oder erschlagen werden. Wo war da die gemeinsame Trauer? Wo waren die Mahnwachen? Wo war der landesweite Aufschrei?

Ihre Schicksale schaffen es kaum auf die Titelseiten. Sie stehen irgendwo im Lokalteil, eingequetscht zwischen Baustellen und Vereinsnachrichten. Ein kurzes Aufblitzen von Brutalität und nach 24 Stunden redet niemand mehr darüber.

Und jetzt mal ganz ehrlich: Ich gehe auf keine Demo, die für irgendeine Nische veranstaltet wird, während beim alltäglichen Terror gegen Frauen und der alltäglichen Gewalt gegen Menschen geschwiegen wird. Wenn ihr aus eurer Nische heraus keinen Ton herausbringt, wenn ganz normale Frauen, Männer oder Kinder Opfer brutaler Gewalt werden, warum verlangt ihr dann von uns, dass wir für euch auf die Straße gehen?

Mitgefühl scheint für euch eine Einbahnstraße zu sein. Und zwar funktioniert sie nur für euch.

Ich kann diesen ganzen Scheiß hier ehrlich nicht mehr ab. Dieses selektive Entscheiden darüber, um wen wir trauern dürfen und um wen nicht. Als gäbe es Menschen erster und zweiter Klasse, wenn sie Opfer von Gewalt werden.

Ein Schmerz wird nicht kleiner, nur weil keine Kamera dabei war.

Entweder wir trauern um alle Opfer mit derselben Ernsthaftigkeit und gehen für alle auf die Straße oder ihr könnt euch eure selektive Empörung sparen.

Nóna Simakis

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